Warum ging Fisker wirklich insolvent?

  • Meine Recherche mit Hilfe von KI:


    Warum ging Fisker wirklich insolvent?

    Oft wird gesagt, Fisker sei einfach an zu wenig Nachfrage gescheitert. So einfach war es nicht. Wenn man die bekannten Zahlen und Berichte zusammennimmt, ergibt sich eher eine Kettenreaktion aus Lieferproblemen, verspätetem Produktionshochlauf, unfertiger Software, chaotischen internen Abläufen, zu vielen parallelen Projekten und am Ende fehlendem Geld.

    1. Am Anfang waren die Kunden da

    Anfang 2023 meldete Fisker rund 65'000 Ocean-Reservierungen und Bestellungen, bereits nach damaligen Stornierungen. Gleichzeitig wollte Fisker ursprünglich rund 42'400 Ocean im Jahr 2023 bauen.

    Das Problem war also zunächst nicht fehlende Nachfrage, sondern dass Fisker die Fahrzeuge nicht rechtzeitig liefern konnte.

    Allerdings waren viele Reservierungen nicht verbindlich. Eine normale Ocean-Reservierung kostete nur 250 Dollar und konnte weitgehend wieder storniert werden.

    2. Zulieferprobleme bremsten den Produktionsstart

    Ein wichtiger Grund für den verzögerten Hochlauf war ein insolventer europäischer Tier-2-Werkzeuglieferant für Innenraumteile.

    „Tier 2“ bedeutet: Dieser Lieferant belieferte nicht Fisker direkt, sondern einen direkten Zulieferer von Fisker bzw. Magna.

    Fisker musste sogar mit dem Insolvenzverwalter verhandeln, um eigene Produktionswerkzeuge wieder freizubekommen.

    Der Firmenname wurde nie offiziell genannt. Ein möglicher Kandidat ist die deutsche FRIMO Group, die im Februar 2023 insolvent ging und Werkzeuge für Innenraumteile wie Türverkleidungen herstellte. Bewiesen ist diese Verbindung aber nicht.

    Auch später gab es weitere Lieferantenprobleme. Fisker musste einem finanziell angeschlagenen Zulieferer sogar finanziell helfen.

    3. Die Produktionsziele wurden immer weiter reduziert

    Ursprünglich geplant:

    42'400 Ocean

    Dann:

    32'000–36'000

    später:

    20'000–23'000

    danach:

    13'000–17'000

    und am Ende wurden 2023 tatsächlich nur:

    10'193 Ocean gebaut

    Davon wurden nur:

    4'929 ausgeliefert

    Damit erreichte Fisker nur etwa ein Viertel seines ursprünglichen Produktionsziels.

    4. Im Herbst 2023 drehte sich das Problem um

    Anfang 2023 konnte Fisker nicht genügend Autos bauen.

    Im Herbst produzierte Magna plötzlich deutlich mehr, aber Fisker bekam die Fahrzeuge nicht schnell genug zu den Kunden.

    Allein im 3. Quartal wurden:

    4'725 Ocean gebaut

    aber nur:

    1'097 ausgeliefert

    Fisker sagte damals selbst, nicht Produktion oder Nachfrage seien das Problem, sondern die Auslieferungs- und Service-Infrastruktur.

    Fisker musste gleichzeitig Transport, Zulassung, Fahrzeugaufbereitung, Direktvertrieb, Kundendienst und Service in vielen Ländern aufbauen.

    Das funktionierte offensichtlich nicht ausreichend.

    5. Chaos bei Rechnungen und Kundenzahlungen

    Ein weiterer wichtiger Punkt war die interne Organisation.

    Spätere Recherchen zeigten, dass Fisker zeitweise den Überblick über Millionen Dollar an Kundenzahlungen verloren hatte.

    Es ging um Anzahlungen, Überweisungen, Kreditkartenzahlungen und teilweise sogar komplette Kaufpreiszahlungen.

    In einzelnen Fällen sollen Fahrzeuge sogar ausgeliefert worden sein, obwohl Fisker den Kaufpreis noch nicht eingezogen hatte.

    Zeitweise waren ungefähr 16 Mio. Dollar an Zahlungen nicht sauber zugeordnet.

    Auch bei uns im Forum gab es Fälle, bei denen Fahrzeuge bereits ausgeliefert waren, die endgültige Rechnung aber noch Wochen fehlte.

    Fisker selbst musste später erhebliche Schwächen im internen Finanz- und Kontrollsystem einräumen.

    6. Gleichzeitig war Henrik Fisker überall

    Während der Ocean noch nicht einmal richtig lief, arbeitete Fisker bereits parallel an:

    • PEAR
    • Alaska Pickup
    • Ronin
    • Ocean Force E
    • neuer Elektronik- und Fahrzeugarchitektur
    • Foxconn-Produktion in Ohio
    • Wechselakku-Ocean mit Ample
    • weltweiter Expansion
    • Fisker Lounges
    • eigener Serviceorganisation

    Am 3. August 2023 präsentierte Fisker beim Product Vision Day bereits PEAR, Alaska, Ronin und Force E gleichzeitig.

    Rückblickend stellt sich die Frage, ob Fisker sich damit nicht völlig verzettelt hat.

    7. Foxconn und Ohio

    Der PEAR sollte gemeinsam mit Foxconn im ehemaligen GM-Werk in Lordstown, Ohio gebaut werden.

    Fisker wollte das Werk nicht selbst kaufen, aber Fahrzeug, Plattform, Produktionskonzept und Zusammenarbeit mussten trotzdem entwickelt und vorbereitet werden.

    Selbst Ende 2023 war die endgültige Produktionsvereinbarung noch nicht vollständig abgeschlossen.

    8. Gleichzeitig noch der Wechselakku-Ocean

    Im Mai 2023 kündigte Fisker gemeinsam mit Ample einen Ocean mit austauschbarer Hochvoltbatterie an.

    Die ersten Fahrzeuge für Flottenkunden sollten bereits Anfang 2024 kommen.

    Wie viel dieses Projekt kostete, ist nicht bekannt. Aber auch dafür brauchte Fisker Ingenieure, Entwicklung, Tests, Projektmanagement und Geld.

    Und genau diese Ressourcen wurden gleichzeitig beim normalen Ocean dringend benötigt.

    9. Der normale Ocean war selbst noch nicht fertig

    Beim Verkaufsstart war die Software offensichtlich noch nicht auf dem gewünschten Stand.

    Probleme und fehlende Funktionen gab es unter anderem bei:

    Key Fob, OTA-Updates, ADAS, Warnmeldungen, Batterieentladung im Stand und weiteren Fahrzeugfunktionen.

    Viele Funktionen wurden erst später verbessert oder sollten noch nachgereicht werden.

    Das Grundfahrzeug selbst hatte durchaus Qualitäten. Aber Fisker brachte den Ocean meiner Meinung nach zu früh in Kundenhand, bevor Software, Service und Prozesse wirklich serienreif waren.

    10. Aus 65'000 Reservierungen wurden massenhaft Stornierungen

    Bis Mai 2023 kommunizierte Fisker die rund 65'000 Ocean-Reservierungen sehr offensiv.

    Danach verschwand diese Zahl praktisch aus der Kommunikation.

    Später bekannt gewordene interne Daten zeigten, dass Fisker insgesamt über 70'000 Ocean-Reservierungen erhalten hatte.

    Bis Ende März 2024 waren davon aber bereits:

    mehr als 40'000 storniert

    und es kamen täglich weitere hinzu.

    Das zeigt: Fisker hatte die Kunden ursprünglich durchaus.

    Man konnte sie nur nicht rechtzeitig bedienen.

    11. Das bekannte MKBHD-Video

    Am 17./18. Februar 2024 erschien auf Auto Focus das Video:

    „This is the Worst Car I've Ever Reviewed“

    Das Video erreichte Millionen Menschen und kritisierte vor allem die unfertige Software und verschiedene Bedienungsprobleme.

    Das Video hat Fisker nicht in die Insolvenz getrieben. Die Probleme bestanden schon vorher.

    Aber es traf Fisker zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und dürfte den bereits laufenden Vertrauensverlust zusätzlich beschleunigt haben.

    12. Fisker verbrannte enorme Mengen Geld

    2023 betrug der Cash-Abfluss aus operativem Geschäft und Investitionen zusammen ungefähr:

    905 Mio. Dollar

    Der frei verfügbare Cashbestand sank von:

    736,5 Mio. Dollar Ende 2022

    auf:

    325,5 Mio. Dollar Ende 2023

    und bis Mitte April 2024 auf nur noch:

    53,9 Mio. Dollar

    13. Gleichzeitig standen Tausende fertige Ocean herum

    2023 wurden:

    10'193 gebaut

    aber nur:

    4'929 ausgeliefert

    Damit standen Tausende fertige Fahrzeuge herum und banden enorme Mengen Kapital.

    Ende 2023 reduzierte Fisker die Produktion deshalb sogar freiwillig, um Working Capital zu sparen.

    Das Problem hatte sich damit komplett gedreht:

    Frühjahr 2023:

    Wir können nicht genügend Ocean bauen.

    Ende 2023:

    Wir dürfen nicht mehr so viele Ocean bauen, weil wir sie nicht schnell genug verkaufen und das Geld ausgeht.

    14. Der Rettungsversuch scheiterte

    Anfang 2024 suchte Fisker dringend einen grossen OEM-Partner und neues Kapital.

    Nach damaligen Berichten gab es Gespräche mit Nissan.

    Als diese Gespräche scheiterten, fehlte Fisker eine der letzten realistischen Rettungsmöglichkeiten.

    Die Produktion bei Magna wurde gestoppt, es folgten massive Preisnachlässe und schliesslich im Juni 2024 die Insolvenz.

    Mein Fazit

    Fisker scheiterte meiner Meinung nach nicht daran, dass niemand den Ocean wollte.

    Ganz im Gegenteil:

    Als die Kunden da waren, fehlten die Autos.

    Dann kamen Zulieferprobleme, Verzögerungen und unfertige Software.

    Als die Autos endlich da waren, funktionierten Auslieferung, Service und teilweise sogar Rechnungsstellung und Zahlungszuordnung nicht richtig.

    Gleichzeitig arbeitete Fisker bereits an PEAR, Alaska, Ronin, Force E, Foxconn/Ohio und dem Ample-Wechselakku.

    Henrik Fisker wollte meiner Meinung nach zu viel gleichzeitig.

    Statt zuerst den Ocean vollständig fertigzustellen, zuverlässig auszuliefern, Service aufzubauen und damit Geld zu verdienen, wurden bereits die nächsten grossen Projekte verfolgt.

    Am Ende kamen dann:

    Stornierungen + zu viele Fahrzeuge im Lager + hohe Verluste + organisatorisches Chaos + fast 1 Mrd. Dollar Cash-Abfluss + kein neuer Investor

    zusammen.

    Kurz gesagt:

    Als die Kunden da waren, fehlten die Autos.

    Als die Autos da waren, funktionierte die Organisation nicht mehr.

    Und als Fisker die Organisation retten musste, war das Geld weg.


  • Meine KI sagt – der Zinsschock fehlt tatsächlich als eigener Punkt, und er gehört meiner Einschätzung nach in die Analyse. Allerdings weniger als Ursache, sondern als Verstärker und als Erklärung dafür, warum am Ende niemand mehr Fisker retten wollte.

    Man kann das auf drei Ebenen betrachten:

    Kapitalmarktseite: Fisker war ein Kind der Nullzinsära. Der Börsengang lief 2020 über einen SPAC, zu einer Zeit, in der Kapital für verlustreiche EV-Startups praktisch gratis war. Zwischen März 2022 und Mitte 2023 hob die Fed die Zinsen von nahe 0 % auf 5,25–5,5 %. Damit drehte sich die Bewertungslogik für Wachstumsfirmen komplett: Zukünftige Gewinne wurden stärker abgezinst, die Aktienkurse der EV-Startups brachen ein, und frisches Eigenkapital über den Markt zu holen wurde für Fisker faktisch unmöglich. Übrig blieben teure, restriktive Wandelanleihen – und genau ein Covenant-Bruch bei einer solchen Anleihe (die verspätete Bilanzvorlage) löste Anfang 2024 die akute Krise mit aus. In der Nullzinswelt hätte Fisker die 905 Mio. Dollar Cash-Abfluss vermutlich einfach nachfinanzieren können, so wie es viele EV-Startups 2020/21 taten. 2023/24 ging das nicht mehr.

    Nachfrageseite: Der Ocean ist ein Auto im Bereich von 40'000 bis 70'000 Dollar/Euro, das die meisten Kunden finanzieren oder leasen. Mit Autokreditzinsen von 7–9 % in den USA statt 2–3 % stieg die Monatsrate spürbar – ausgerechnet bei einer Marke ohne eigene Captive-Bank und anfangs ohne attraktive Leasingangebote. Das dürfte einen Teil der über 40'000 Stornierungen miterklären: Zwischen der 250-Dollar-Reservierung von 2021/22 und dem tatsächlichen Kaufzeitpunkt 2023 hatte sich das Finanzierungsumfeld für den Kunden massiv verschlechtert. Die langen Lieferverzögerungen wurden dadurch doppelt teuer – jeder Monat Verzug fiel in ein schlechteres Zinsumfeld.

    Working Capital: Die Tausenden fertigen, unverkauften Ocean banden Kapital genau dann, als Kapital am teuersten war. Auch die Händler- bzw. spätere Dealer-Partner-Finanzierung von Beständen wurde durch die Zinsen belastet.

    Warum der Punkt trotzdem nicht die Kernthese des Beitrags umwirft: Der Zinsschock traf alle EV-Startups gleichermassen – Rivian, Lucid, Polestar haben ihn (bisher) überlebt, Lordstown, Proterra, Arrival und eben Fisker nicht. Der Unterschied lag in der Exekution. Die Zinsen haben den Fehlertoleranz-Puffer entfernt: In der Nullzinswelt konnte man sich Software-Chaos, Auslieferungsprobleme und 16 Mio. Dollar unzugeordnete Zahlungen leisten und trotzdem nachfinanzieren. Ab 2023 bedeutete dieselbe Fehlerliste den Tod.

    Man könnte es also als Punkt 15 formulieren: Der Zinsschock hat Fisker nicht umgebracht, aber er hat dafür gesorgt, dass es für die selbstverschuldeten Fehler keine zweite Chance mehr gab – kein billiges Kapital, keine geduldigen Investoren, und Kunden, für die das Auto plötzlich teurer geworden war, ohne dass Fisker den Preis erhöht hatte.